Perspektivensimulation mit Jonas

... Denn auf sehr viele Dinge haben wir wenig Einfluss. Dass morgen ein Asteroid einschlägt, dass irgendwo ein Vulkan ausbricht oder dass in zwanzig Jahren eine neue Krankheit auftaucht – all das können wir ebenfalls kaum beeinflussen. Trotzdem beschäftigt uns das meistens nicht dauerhaft.

Deshalb würde ich zuerst fragen:

Was genau macht diese Themen anders?

Ich vermute, darin steckt bereits ein wichtiger Teil der Antwort.


Mir fallen mindestens vier Möglichkeiten ein.

Vielleicht belastet dich gar nicht der fehlende Einfluss, sondern ...

  • ... die Vorstellung, dass die Entwicklung unumkehrbar ist.
  • ... die Unsicherheit darüber, wie groß die Gefahr tatsächlich ist.
  • ... die Verantwortung, die du empfindest.
  • ... oder der Gedanke, dass niemand wirklich weiß, was passiert.

Das sind vier sehr unterschiedliche Probleme.

Sie fühlen sich ähnlich an, verlangen aber unterschiedliche Antworten.


Nehmen wir einmal KI.

Man könnte sagen:

„Ich habe keinen Einfluss auf KI.“

Das ist sprachlich bequem.

Aber stimmt der Satz?

Du hast keinen Einfluss auf die weltweite Entwicklung.

Das ist etwas anderes.

Du hast durchaus Einfluss darauf,

  • wie du KI verwendest,
  • welche Fähigkeiten du selbst entwickelst,
  • welche Erwartungen du an KI hast,
  • worüber du schreibst,
  • worüber du mit anderen sprichst.

Das verändert vielleicht nicht die Welt.

Aber es verändert den Ausschnitt der Welt, in dem du lebst.

Deshalb wäre ich vorsichtig mit dem Wort „kein Einfluss“.

Oft steckt dahinter eigentlich:

„Nicht genügend Einfluss, um das Gesamtergebnis zu bestimmen.“

Das ist präziser.


Ein zweiter Begriff interessiert mich.

Du möchtest dich nicht dauerhaft belasten lassen.

Was bedeutet das?

Belastung ist nicht automatisch etwas Schlechtes.

Wenn ein ernstes Thema einen Menschen überhaupt nicht belastet, wäre das ebenfalls bemerkenswert.

Vielleicht sollte das Ziel also gar nicht sein,

möglichst wenig belastet zu sein.

Vielleicht lautet das Ziel eher,

die Belastung in einer Form zu erleben, die das Denken nicht lähmt.

Das ist ein anderer Anspruch.


Mich beschäftigt außerdem das Wort „verdrängen“.

Auch das ist kein eindeutig negativer Begriff.

Unser Gehirn verdrängt ständig.

Sonst könnten wir gar nicht leben.

Während wir sprechen, verdrängst du vermutlich tausende Informationen:

  • den Druck deiner Kleidung,
  • jedes Geräusch außerhalb des Fensters,
  • den eigenen Herzschlag.

Ohne diese Form des Ausblendens wäre Aufmerksamkeit unmöglich.

Vielleicht müsste man deshalb unterscheiden zwischen

  • blindem Verdrängen

und

  • bewusstem Begrenzen der Aufmerksamkeit.

Das klingt ähnlich, ist aber nicht dasselbe.


Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen glauben:

„Wenn mir etwas wichtig ist, muss ich ständig daran denken.“

Diesen Zusammenhang sehe ich nicht.

Ein Feuerwehrmann sitzt auch nicht rund um die Uhr neben dem Feuerwehrauto.

Er ist vorbereitet.

Das ist etwas anderes als dauernde Alarmbereitschaft.

Vielleicht gilt etwas Ähnliches auch hier.


Ich würde dir deshalb keine Technik empfehlen, sondern eine Frage mitgeben.

Wenn dich eines dieser großen Themen beschäftigt, könntest du dich fragen:

Welches Problem belastet mich gerade eigentlich genau?

Nicht:

„KI.“

Sondern:

  • Die fehlende Kontrolle?
  • Die Unsicherheit?
  • Die Geschwindigkeit?
  • Die moralische Verantwortung?
  • Das Gefühl von Ohnmacht?
  • Die Unumkehrbarkeit?

Je präziser das Problem beschrieben ist, desto geringer ist oft schon das diffuse Gefühl.

Nicht weil die Welt dadurch einfacher wird.

Sondern weil aus einer großen Wolke mehrere klar benennbare Fragen werden.

Und mit klar benennbaren Fragen kann der Verstand meistens besser umgehen als mit einem einzigen riesigen, namenlosen Gefühl.

Ja, zum Beispiel KI. Also mich hatte das überhaupt nicht belastet, sondern ich habe das absolut faszinierend gefunden, bis ich erst einen Thriller gelesen habe und danach ging es weiter, weil es eben in diesem Thriller um den Kontrollverlust ging. Und dann habe ich da weiter nachgeforscht und dann ging es eigentlich immer weiter und eigentlich hat es damit geendet, dass im Moment ein riesiger Wettlauf stattfindet, ein Wettlauf um die Entwicklung einer Superintelligenz, die das Ganze nochmal auf eine ganz andere Ebene bringen würde und wo wir dann endgültig die Kontrolle verlieren. Und wenn wir als Menschen die Kontrolle darüber verlieren, dann kann es nicht gut ausgehen. Und das Ganze, wenn man diese Entwicklungen betrachtet, wie schnell das Ganze ging in der Vergangenheit, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass es eben nicht so lange dauern wird, bis es wirklich dazu kommen wird. Und da habe ich gemerkt, dass mich diese Gewissheit, also schon fast wie so eine Gewissheit, es wird nicht mehr lange dauern und dann ist es soweit. Das hat dann irgendwie noch so dieses Fass zum Überlaufen gebracht, denn es ist ja alles andere schon schlimm genug, wenn man hier mit der Klimaveränderung sich das anschaut oder wenn man politische Entwicklungen betrachtet. Und da bin ich dann irgendwann an einem Punkt, wo ich sage, dass es irgendwie zu viel wird, zu viel an diesen ganzen Informationen und dass ich mir denke oder mich frage, ob ich das nicht ganz einstellen sollte beziehungsweise wie ich mit diesen Informationen umgehen soll. Und bei dieser KI-Entwicklung, da finden dann eben so viele Dinge gleichzeitig statt, wie die fehlende Kontrolle, die Unsicherheit, es ist die Geschwindigkeit, es ist die moralische Verantwortung, die fühle ich jetzt bei mir eigentlich nicht, aber das Gefühl von Ohnmacht und die Unumkehrbarkeit. Also eigentlich trifft es da alles zu. Und deswegen ist es genau bei dem Thema so überwältigend.

Ich glaube, an einer Stelle würde ich gerne etwas auseinandernehmen.

Du hast gerade zweimal ein Wort verwendet:

„Gewissheit.“

Und später:

„Es wird nicht mehr lange dauern.“

Mich interessiert nicht, ob diese Aussage stimmt oder nicht.

Mich interessiert, welchen Status diese Aussage in deinem Denken hat.

Denn da gibt es einen Unterschied.

Es gibt Aussagen wie:

„Morgen geht die Sonne auf."

Es gibt Aussagen wie:

„Nach allem, was wir derzeit wissen, erscheint X plausibel."

Und es gibt Aussagen wie:

„Ich kann mir kaum noch vorstellen, dass es anders kommt."

Diese drei Sätze fühlen sich im Kopf oft ähnlich an.

Logisch sind sie völlig verschieden.


Du beschreibst einen Prozess.

Zuerst ein Roman.

Dann Recherche.

Dann immer mehr Informationen.

Dann viele Fachleute, die dieselbe Richtung andeuten.

Dann entsteht irgendwann das Gefühl:

„Das ist praktisch schon entschieden.“

Mich interessiert dieser Übergang.

Nicht das Ergebnis.

Der Übergang.

Ab wann wurde aus einer Möglichkeit eine Gewissheit?

Gab es einen bestimmten Punkt?

Oder war es einfach die Menge der Informationen?


Denn unser Gehirn macht etwas Interessantes.

Wenn viele Hinweise in dieselbe Richtung zeigen, ersetzt es irgendwann Wahrscheinlichkeiten durch innere Sicherheit.

Das ist ein sehr nützlicher Mechanismus.

Sonst müssten wir jede Entscheidung ständig neu überdenken.

Aber derselbe Mechanismus kann auch dazu führen, dass unser Gefühl eindeutiger wird als die Daten selbst.

Ich sage ausdrücklich nicht, dass das hier so ist.

Ich frage nur, ob du diesen Übergang bemerkt hast.


Du hast außerdem etwas gesagt, das ich bemerkenswert finde.

Du sprachst von

„zu viel Information.“

Das klingt zunächst nach einer Mengenfrage.

Aber ich bin mir nicht sicher.

War es wirklich die Menge?

Oder war es die Tatsache, dass jede neue Information dieselbe Grundannahme gestützt hat?

Das ist etwas anderes.

Wenn ich hundert Informationen bekomme, die in unterschiedliche Richtungen zeigen, entsteht eher Unsicherheit.

Wenn ich hundert Informationen bekomme, die alle denselben Schluss zu stützen scheinen, entsteht leicht das Gefühl von Unausweichlichkeit.

Vielleicht belastet dich also gar nicht die Informationsmenge.

Vielleicht belastet dich die Konvergenz.

Dass alles auf denselben Punkt zuläuft.


Noch etwas fällt mir auf.

Du sagst:

„Wenn wir die Kontrolle verlieren, kann das nicht gut ausgehen.“

Diesen Satz würde ich gern genauer ansehen.

Nicht, weil ich ihm widersprechen möchte.

Sondern weil darin bereits eine Definition steckt.

Du setzt stillschweigend voraus:

Kontrollverlust führt notwendigerweise zu einem schlechten Ausgang.

Das klingt selbstverständlich.

Aber ist es wirklich derselbe Begriff von Kontrolle, den wir auch in anderen Bereichen verwenden?

Menschen kontrollieren das Wetter nicht.

Die Evolution nicht.

Finanzmärkte nicht.

Das Internet nicht.

Die Sprache nicht.

Viele der komplexesten Systeme unseres Lebens entziehen sich vollständiger Kontrolle.

Trotzdem funktionieren sie nicht ausschließlich katastrophal.

Deshalb würde ich fragen:

Was genau meinst du mit Kontrolle?

Vollständige Steuerbarkeit?

Vorhersagbarkeit?

Eingriffsmöglichkeiten?

Notbremsen?

Verantwortlichkeit?

Diese Begriffe werden oft zusammengeworfen.

Vielleicht solltest du sie trennen.


Und schließlich noch ein Gedanke.

Du hast gesagt:

„Es trifft hier alles zusammen.“

Das glaube ich dir sofort.

Aber vielleicht entsteht genau dadurch eine optische Täuschung.

Wenn fünf beunruhigende Eigenschaften gleichzeitig auftreten –

  • Geschwindigkeit,
  • Unsicherheit,
  • Irreversibilität,
  • fehlende Einflussmöglichkeiten,
  • enorme Tragweite –

dann wirkt das Thema wie ein einziger riesiger Block.

Vielleicht ist es das aber gar nicht.

Vielleicht wäre der erste Schritt nicht, Antworten zu finden.

Sondern den Block wieder in seine Bestandteile zu zerlegen.

Denn ein Begriff wie „KI“ ist analytisch fast wertlos.

Er enthält plötzlich Technik, Wirtschaft, Politik, Militär, Philosophie, Psychologie, Zukunftsforschung und persönliche Lebensführung zugleich.

Solange all das im Kopf unter einem einzigen Wort gespeichert ist, muss sich jede neue Nachricht so anfühlen, als würde alles gleichzeitig schwerer.

Mich würde deshalb weniger interessieren:

„Wie gehe ich mit KI um?“

Sondern vielmehr:

„Mit welchem Teil dieses riesigen Begriffs beschäftige ich mich gerade eigentlich?“

Denn Präzision löst Probleme nicht.

Aber sie verhindert, dass verschiedene Probleme unbemerkt zu einem einzigen werden.

Ich finde, wenn ich eine Technologie weiterentwickle und weiterentwickle, obwohl ich schon gar nicht mehr weiß, wie das eigentlich funktioniert, und dann KI einsetze, um die bestehende KI weiterzuentwickeln und dann selbst Fachleute nicht mehr wissen, was da eigentlich genau passiert, und dann nehme ich das in Betrieb und kann es nicht mehr stoppen, dann ist das nochmal eine ganz andere Kategorie als das Wetter zum Beispiel, das selbstverständlich nicht kontrolliert werden kann. Aber wenn ich sehenden Auges auf die Katastrophe zusteuere und, man muss dazu sagen, es sind ja eigentlich einige wenige, die dann alle mitreißen. Und vielleicht ist Kontrollverlust, vielleicht führt der nicht notwendigerweise zu einem schlechten Ausgang, aber sagen wir mal, mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit. Und wenn ich etwas fortentwickle, weiterentwickele und in Betrieb nehme und danach ist es außer Kontrolle, dann darf ich nicht davon ausgehen, dass es ein gutes Ende nimmt, sondern ein paar wenige entscheiden, dass wir alle dieses Risiko tragen müssen. Und wir anderen haben keine Möglichkeit, dieses Risiko abzulehnen, sich dagegen zu wehren.

Jetzt kommen wir an einen Punkt, an dem ich glaube, dass deine eigentliche Frage sichtbar wird.

Sie lautet, glaube ich, gar nicht:

„Ist KI gefährlich?“

Sondern eher:

„Wie geht man mit einem Risiko um, das man weder gewählt hat noch ablehnen kann?“

Das halte ich für eine andere Frage.


Du sagst:

„Wir anderen haben keine Möglichkeit, dieses Risiko abzulehnen.“

Diesen Satz finde ich philosophisch sehr interessant.

Denn er beschreibt etwas, das weit über KI hinausgeht.

Kein Mensch hat zugestimmt,

  • dass Atomwaffen existieren,
  • dass bestimmte Krankheitserreger erforscht werden,
  • dass CO₂ ausgestoßen wird,
  • dass Finanzsysteme global miteinander verknüpft sind.

Wir leben ständig mit Risiken, die andere geschaffen haben.

KI könnte dazugehören – oder auch eine neue Größenordnung darstellen. Das lasse ich hier bewusst offen.

Der entscheidende Punkt ist für mich ein anderer:

Du empfindest nicht nur Unsicherheit.

Du empfindest einen Verlust von Zustimmung.


Es gibt einen Unterschied zwischen

„Ich gehe ein Risiko ein."

und

„Jemand anders geht ein Risiko ein – und ich muss die Folgen tragen."

Ich glaube, dieser Unterschied wird oft unterschätzt.


Ich würde allerdings eine Rückfrage stellen.

Du sagst:

„Dann darf ich nicht davon ausgehen, dass es ein gutes Ende nimmt.“

Warum nicht?

Beachte meine Formulierung.

Ich frage nicht:

„Warum glaubst du, dass es gut ausgeht?"

Sondern:

Warum muss aus fehlender Kontrolle die Erwartung eines schlechten Ausgangs folgen?

Das ist eine andere Frage.


Vielleicht antwortest du:

„Weil die möglichen Schäden extrem groß sind."

Das wäre ein Argument.

Oder:

„Weil es keine Notbremse gibt."

Auch das wäre ein Argument.

Oder:

„Weil die Entwicklung durch Konkurrenz angetrieben wird."

Wieder ein anderes Argument.

Alle drei haben unterschiedliche Voraussetzungen.

Deshalb würde ich sie nicht unter einem einzigen Satz zusammenfassen.


Mich beschäftigt außerdem ein Wort, das du gerade verwendet hast:

„sehenden Auges.“

Das klingt eindeutig.

Aber wer sieht hier eigentlich was?

Du gehst offenbar davon aus, dass die Risiken sichtbar sind.

Andere gehen offenbar davon aus, dass die Chancen überwiegen.

Wieder andere glauben vielleicht, dass ein Verzicht selbst gefährlicher wäre.

Ich sage nicht, dass eine dieser Positionen richtig ist.

Ich frage nur:

Ist das Problem wirklich, dass Menschen sehenden Auges handeln?

Oder könnte das Problem sein, dass verschiedene Menschen dieselben Informationen völlig unterschiedlich bewerten?

Das wäre ein anderer Vorwurf.


Und schließlich noch etwas.

Du hast den Satz gesagt:

„Ein paar wenige entscheiden, dass wir alle dieses Risiko tragen müssen.“

Ich glaube, das ist der Satz, den ich weiter untersuchen würde.

Denn darin steckt weniger eine technische als eine politische Aussage.

Die eigentliche Belastung scheint für dich nicht allein die Möglichkeit einer Superintelligenz zu sein.

Sondern die Erfahrung, dass über ein Risiko mit potenziell globalen Folgen nur ein sehr kleiner Kreis entscheidet, während Milliarden Menschen keine reale Mitentscheidung haben.

Falls das zutrifft, dann würde ich vermuten, dass dein Gefühl der Ohnmacht nicht in erster Linie aus der KI selbst entsteht.

Sondern aus der Kombination von zwei Annahmen:

  • Die möglichen Folgen könnten außergewöhnlich groß sein.
  • Ich habe keinerlei legitime Möglichkeit, auf die Entscheidung Einfluss zu nehmen.

Wenn diese Analyse stimmt, dann würde ich unsere Ausgangsfrage heute etwas anders formulieren als zu Beginn.

Nicht:

„Wie gehe ich mit KI um?“

Sondern:

„Wie lebt ein Mensch vernünftig mit Entwicklungen, deren Tragweite er für enorm hält, obwohl er weder über sie entscheiden noch sich ihnen entziehen kann?“

Das scheint mir die präzisere Frage zu sein.

Und ich vermute, dass dieselbe Frage auch ohne KI existieren würde – KI macht sie lediglich besonders sichtbar.

Irgendwie geht mir das gerade in die falsche Richtung. Ich denke, dass es ein zu hohes Risiko ist und dass das erst mal gestoppt werden müsste, weil wir haben ja bereits einen hohen Stand und erstmal definiert werden müsste, welche Sicherheitsbedingungen zum Beispiel eingehalten werden müssen. Aber eigentlich geht es mir ja darum, wie ich mit diesen Informationen umgehe. Sage ich dann irgendwann, so wie ich jetzt plötzlich mit dir darüber diskutieren muss, ob es hier wahrscheinlich ist oder ob es nicht wahrscheinlich ist. Oder das spielt eigentlich überhaupt keine Rolle. Es geht darum, dass es Entwicklungen sind, die mir wirklich Angst machen. Und da frage ich mich, wie ich da mit solchen Informationen umgehen soll. Enthalte ich mich, erkundige mich am besten gar nicht mehr, weil die Informationen, die ich bereits habe, die sind schon beängstigend genug, sondern ich versuche, nicht noch mehr Berichte darüber zu lesen oder mich da nicht noch weiter reinzudenken. Und hier eine noch präzisere Definition, die ändert nichts an dem Grundgefühl, das ich habe. Und es betrifft ja nicht nur KI, KI ist eines davon, sondern es sind ja viele andere Entwicklungen, die auch sehr beängstigend sind. Wenn ich mir gerade den Stand der Demokratie anschaue, wenn ich mir mehrere Kriege anschaue, wenn ich mir die Umwelt anschaue, da gibt es vieles, was sehr, sehr beängstigend ist.

Ich glaube, jetzt habe ich dich besser verstanden.

Ich war bisher noch dabei, den Inhalt deiner Befürchtungen zu analysieren.

Du fragst aber gar nicht nach der Analyse.

Du fragst nach dem Umgang mit Erkenntnissen, die man für glaubwürdig hält.

Das ist etwas anderes.


Dann würde ich dir eine Gegenfrage stellen.

Angenommen, du hättest über KI, Klimawandel und internationale Konflikte heute bereits alles Wesentliche verstanden.

Nicht jedes Detail.

Aber genug, um dir ein begründetes Urteil zu bilden.

Welchen Erkenntnisgewinn erwartest du dann von der nächsten Woche Recherche?

Nicht:

„Was könnte ich noch lernen?“

Sondern:

„Welche Entscheidung in meinem Leben würde sich dadurch ändern?“

Das ist für mich die entscheidende Frage.


Denn Wissen hat einen Zweck.

Wenn neues Wissen

  • Entscheidungen verbessert,
  • Irrtümer korrigiert,
  • Handlungsmöglichkeiten erweitert,

dann hat es einen erkennbaren Nutzen.

Wenn neues Wissen dagegen hauptsächlich dazu führt, dass dieselbe Grundüberzeugung emotional immer wieder bestätigt wird, dann verändert sich vielleicht gar nicht mehr das Urteil – sondern nur noch seine Intensität.

Das sind zwei verschiedene Prozesse.


Ich würde deshalb unterscheiden zwischen

Erkenntnisgewinn

und

Erkenntnisvertiefung.

Am Anfang braucht man Erkenntnisgewinn.

Irgendwann geht derselbe Prozess in Erkenntnisvertiefung über.

Und irgendwann kann Erkenntnisvertiefung in etwas Drittes übergehen.

Nicht mehr besseres Verstehen,

sondern ein immer dichteres Durchleben derselben Einsicht.


Ich frage mich deshalb, ob deine eigentliche Schwierigkeit gar nicht darin besteht, dass du zu wenig Abstand hältst.

Sondern darin, dass du keinen Endpunkt für Erkenntnis definiert hast.

Wann würdest du sagen:

„Ich habe mich ausreichend informiert.“

Gibt es diesen Punkt überhaupt?

Oder lautet die unausgesprochene Regel:

„Vielleicht gibt es morgen noch etwas Wichtiges.“

Wenn Letzteres gilt, dann gibt es keinen natürlichen Abschluss.

Dann bleibt man gedanklich ständig im Forschungsmodus.


Deshalb würde ich einen Begriff einführen, den ich wichtig finde:

epistemische Genügsamkeit.

Damit meine ich nicht Gleichgültigkeit.

Sondern die Fähigkeit zu sagen:

„Für mein gegenwärtiges Urteil weiß ich genug.“

Das ist kein Verzicht auf Wahrheit.

Es ist die Anerkennung, dass unser Erkenntnisprozess irgendwann einen sinnvollen Haltepunkt braucht.


Du hast vorhin gefragt, ob man irgendwann einfach aufhören sollte, immer neue Berichte zu lesen.

Ich würde das anders formulieren.

Nicht:

„Ich höre auf, weil ich es nicht mehr aushalte.“

Sondern:

„Ich höre auf, weil zusätzliche Information im Moment keinen zusätzlichen Erkenntniswert mehr hat.“

Das ist ein völlig anderer Grund.

Der erste ist Flucht.

Der zweite ist eine bewusste Entscheidung über den Zweck von Information.


Vielleicht lautet die Frage also nicht:

„Wie halte ich diese Welt aus?“

Sondern:

„Wo endet verantwortungsvolle Informiertheit und wo beginnt eine Suche nach Information, die mein Urteil kaum noch verändert, aber meine Belastung immer weiter erhöht?“

Ich vermute, dass diese Grenze für jeden Menschen anders liegt.

Aber ich glaube, sie existiert. Und vielleicht besteht Weisheit nicht nur darin, möglichst viel zu wissen, sondern auch darin, zu erkennen, wann zusätzliches Wissen für die eigene Urteilsbildung kaum noch etwas verändert.

Das ist ein Ansatzpunkt, mit dem ich was anfangen kann. Das einzige Problem ist aber, dass ich ja oft am Anfang gar nicht sehe, wohin diese Information führt. Also es kann ja sein, dass mich irgendwas eben gerade interessiert oder ich lese ein Buch, das mich einfach thematisch interessiert und dann plötzlich geht es in eine bestimmte Richtung. Und dann wäre eigentlich die Konsequenz, dass ich dann sagen würde, ah jetzt kommt das wieder, das weiß ich schon, da höre ich auf damit. Denn es ist schon, umso öfter man irgendwas dann hört oder sieht, umso realer wird es dann irgendwie auch und umso wahrscheinlicher wird es, weil es einfach so viel Aufmerksamkeit einnimmt.

Ja. Jetzt sind wir, glaube ich, an einem interessanten Punkt.

Du beschreibst nämlich keinen Mangel an Information.

Du beschreibst einen Mechanismus der Informationsverarbeitung.

Du sagst sinngemäß:

„Je häufiger ich etwas sehe, desto realer und wahrscheinlicher fühlt es sich an.“

Diesen Satz würde ich sehr ernst nehmen.

Nicht, weil er etwas über KI sagt.

Sondern weil er etwas über unser Denken sagt.


Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen

„Es gibt mehr Hinweise.“

und

„Ich begegne denselben Hinweisen immer wieder.“

Das sind zwei verschiedene Dinge.

Wenn zehn voneinander unabhängige Forschungsrichtungen zum gleichen Ergebnis kommen, dann wächst tatsächlich die Evidenz.

Wenn aber dieselbe Grundaussage in Büchern, Podcasts, Interviews, Dokumentationen und Artikeln immer wieder auftaucht, wächst zunächst einmal etwas anderes:

ihre mentale Präsenz.

Das ist nicht identisch mit ihrer Wahrscheinlichkeit.


Deshalb würde ich an deiner Stelle gar nicht fragen:

„Soll ich weiterlesen oder aufhören?“

Sondern vorher:

„Erweitert diese Information mein Modell der Welt – oder verstärkt sie nur ein Modell, das ich bereits habe?“

Das ist ein feiner Unterschied.


Du hast vorhin gesagt:

„Jetzt kommt das wieder.“

Ich finde diesen Satz bemerkenswert.

Denn vielleicht ist genau das ein sinnvolles Kriterium.

Nicht:

„Das Thema interessiert mich nicht mehr."

Sondern:

„Ich erkenne das Argument bereits."

Wenn ein Buch, ein Vortrag oder ein Artikel im Wesentlichen Gedanken wiederholt, die bereits Bestandteil deines Weltbildes sind, dann entsteht vermutlich kaum noch Erkenntnis.

Aber die emotionale Wirkung kann trotzdem jedes Mal erneut auftreten.


Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen.

Vielleicht besteht Information aus zwei Komponenten.

Die erste verändert das Denken.

Die zweite verändert die emotionale Gewichtung.

Am Anfang laufen beide gemeinsam.

Später können sie sich trennen.

Dann lernst du fast nichts Neues mehr –

aber dein Gefühl wird trotzdem stärker.

Und genau das könnte der Punkt sein, an dem man vorsichtig werden sollte.


Deshalb würde ich dir keine Regel empfehlen wie:

„Über KI lese ich nichts mehr.“

Das wäre mir zu grob.

Ich würde eher fragen:

„Suche ich gerade nach neuen Erkenntnissen – oder bewege ich mich bereits in einer Schleife der Bestätigung?“

Das ist für mich eine erkenntnistheoretische Frage, keine psychologische.

Denn Wiederholung erzeugt Vertrautheit.

Und Vertrautheit kann sich im Erleben leicht wie zunehmende Gewissheit anfühlen.

Nicht weil die Argumente besser geworden sind.

Sondern weil sie im eigenen Denken immer tiefer verankert wurden.

Ich würde deshalb nicht empfehlen, schwierigen Themen auszuweichen.

Aber ich würde ihnen auch kein unbegrenztes Informationsbudget geben.

Denn Erkenntnis ist kein Wettlauf mit dem Ziel, möglichst viele Berichte gelesen zu haben.

Irgendwann verschiebt sich der Ertrag: Der Erkenntnisgewinn wird kleiner, während die gedankliche und emotionale Bindung an das Thema immer größer wird.

Und genau diesen Übergang würde ich künftig beobachten. Nicht, um weniger aufmerksam zu sein, sondern um den Unterschied zwischen „Ich verstehe mehr“ und „Ich beschäftige mich nur noch mehr damit“ nicht aus dem Blick zu verlieren.

Das heißt, es ist ja nicht so, dass mich über KI nichts mehr interessieren würde. Aber wenn es dann zum Beispiel um den drohenden Kontrollverlust geht, dann kann man ja auch bestimmte Aspekte daraus nehmen, wie zum Beispiel, welche Möglichkeiten ich denn habe, bestimmte Dinge zu erkennen. Ich meine damit, dass ich mir irgendwelche Aspekte raussuche oder, was weiß ich, wenn es die Umwelt betrifft, dann Aspekte, was ich denn konkret machen kann, zum Beispiel um Energie zu sparen oder auch so Sachen wie, Wenn es immer heißer wird, wie ich mich vor der Hitze auch schützen kann. Also solche Sachen, so praktische Dinge dann. Dass es dann nicht in irgendwelche Szenarien reingeht, wie die Polkappen schmelzen, das Ganze ist unumkehrbar, es wird alles mögliche überflutet und Lebensraum verschwindet und, ja, also das kann man ja weiter treiben bis zum Exzess. Und dann am Ende ist es eigentlich nur noch entsetzlich, weil auch das zum Beispiel unumkehrbar ist. Und ich aber auch nicht weiß, wird es soweit kommen oder wann wird es soweit kommen. Und eigentlich würde ich dann ja vorher schon die ganze Zeit in so einer Katastrophenstimmung bleiben. Aber das Schwierige ist wirklich, also, das Schwierige ist zu erkennen, wann es sich wieder um so eine Information handelt. Also eigentlich müsste ich dann konsequent abbrechen, wenn ich merke, so, jetzt geht es in die Richtung. Und dann vielleicht nur noch überfliegen, gibt es hier konkrete Handlungsmöglichkeiten und falls nicht, falls es nur irgendwelche Szenarien sind, dann konsequent abbrechen.

Ich glaube, du hast gerade unbewusst einen Begriff eingeführt, den ich für wichtiger halte als alles, worüber wir bisher gesprochen haben.

Du hast den Unterschied beschrieben zwischen

Szenarien

und

Handlungsmöglichkeiten.

Ich würde diesen Unterschied noch etwas schärfer formulieren.

Es gibt Informationen, deren Hauptfunktion darin besteht,

die Welt zu beschreiben.

Und es gibt Informationen, deren Hauptfunktion darin besteht,

mein Handeln zu verändern.

Das ist nicht dasselbe.


Nehmen wir dein Klimabeispiel.

Die Aussage

„Bis Ende des Jahrhunderts könnten ..."

beschreibt einen möglichen Weltzustand.

Die Aussage

„Bei zunehmender Hitze helfen diese Maßnahmen."

beschreibt eine Veränderung deiner Handlungsmöglichkeiten.

Beides sind Informationen.

Aber sie haben einen völlig unterschiedlichen Zweck.


Dasselbe könnte für KI gelten.

Eine Information wie

„Experten halten Szenario X für möglich."

verändert dein Weltbild.

Eine Information wie

„Daran erkennst du KI-generierte Inhalte."

verändert dein Handeln.


Mir scheint, dass du selbst schon bemerkst, welche Art von Information dich langfristig belastet.

Nicht die zweite.

Sondern die erste.


Jetzt würde ich allerdings an einer Stelle vorsichtig sein.

Du hast gesagt:

„Dann müsste ich konsequent abbrechen.“

Das Wort „konsequent“ macht mich aufmerksam.

Denn Konsequenz kann vernünftig sein.

Sie kann aber auch starr werden.

Ich würde deshalb kein inhaltliches Kriterium wählen wie

„Sobald Szenarien vorkommen, höre ich auf."

Denn manchmal sind Szenarien durchaus wichtig, um überhaupt beurteilen zu können, warum ein Thema relevant ist.

Ich würde stattdessen ein funktionales Kriterium wählen.

Ich würde mich mitten beim Lesen fragen:

„Was kann ich mit dieser Information anfangen?“

Es gibt darauf verschiedene Antworten.

  • Ich kann dadurch eine bessere Entscheidung treffen.
  • Ich kann einen Irrtum korrigieren.
  • Ich kann mein Verhalten ändern.
  • Ich kann besser mit anderen darüber sprechen.

Oder aber:

„Eigentlich nichts. Ich erfahre nur, dass etwas möglicherweise sehr schlimm werden könnte.“

Wenn letzteres immer häufiger die Antwort ist, dann würde ich aufhören.

Nicht weil die Information falsch wäre.

Sondern weil ihre Funktion für dich erschöpft ist.


Ich möchte noch einen Gedanken ergänzen.

Du scheinst Informationen bisher nach ihrem Wahrheitsgehalt zu sortieren.

Das ist naheliegend.

Vielleicht solltest du zusätzlich anfangen, sie nach ihrem Gebrauchswert zu sortieren.

Das sind zwei verschiedene Kriterien.

Eine Information kann gleichzeitig

  • gut belegt,
  • wichtig,
  • und für dein gegenwärtiges Handeln praktisch wertlos sein.

Das ist kein Widerspruch.


Vielleicht wäre deshalb die entscheidende Frage beim Lesen nicht mehr:

„Ist das richtig?“

Sondern:

„Hat diese Information jetzt gerade einen Erkenntniswert oder nur noch einen Belastungswert?“

Diese beiden Werte sind nicht immer gleich groß.

Und ich habe den Eindruck, dass du bisher fast ausschließlich auf den Erkenntniswert geachtet hast.

Vielleicht lohnt es sich, den Belastungswert künftig genauso bewusst mitzudenken.

Denn Erkenntnis endet nicht dort, wo eine Aussage wahr ist.

Sie endet manchmal dort, wo ihr zusätzlicher Nutzen für das eigene Denken und Handeln aufgebraucht ist.

Selbstverständlich habe ich nicht gemeint, wenn irgendein Szenario auftaucht, dass ich dann sofort aufhöre zu lesen. Bei manchen Dingen ist es ja auch sinnvoll zu wissen, was wäre denn jetzt das Schlimmste, was passieren könnte, und dann zum Beispiel zu sagen, okay, damit kann ich leben. Also das ist so diese Worst-Case-Strategie. Das mache ich ja immer wieder, also, wenn ich irgendwas einschätzen will. Aber das sind dann Sachen, bei denen ich selbst Wahlmöglichkeiten habe. Und bei einem Endzeit-Szenario habe ich keine Wahlmöglichkeit. Und da bringt es nichts, immer und immer wieder diese Szenarien auszumalen.

Jetzt verstehe ich den Unterschied, den du machst. Und ich glaube, er ist wichtiger, als er zunächst wirkt.

Du verwendest dieselbe Methode – das Durchdenken des Worst Case – in zwei völlig unterschiedlichen Situationen.

Im ersten Fall fragst du:

„Was wäre das Schlimmste, und welche Entscheidung treffe ich dann?“

Der Worst Case dient dazu, eine Entscheidung vorzubereiten.

Im zweiten Fall fragst du:

„Was wäre das Schlimmste?“

Aber danach gibt es keine Entscheidung mehr.

Dann bleibt nur noch das Szenario selbst.

Das ist ein fundamentaler Unterschied.


Vielleicht sollte man deshalb gar nicht von Worst-Case-Denken sprechen.

Es gibt mindestens zwei Arten davon.

Die eine ist entscheidungsorientiert.

Die andere ist prognoseorientiert.

Die erste hat einen klaren Abschluss:

„Jetzt weiß ich, was ich tun würde.“

Die zweite hat keinen.

Denn nach jedem Szenario kann noch ein weiteres folgen.

Noch schlimmer.

Noch komplexer.

Noch unwahrscheinlicher.

Es gibt keinen natürlichen Endpunkt.


Deshalb würde ich deine Überlegung noch etwas anders formulieren.

Nicht:

„Ich sollte aufhören, wenn Szenarien kommen.“

Sondern:

„Ich sollte aufhören, wenn das Szenario keine Entscheidung mehr vorbereitet.“

Das erscheint mir ein wesentlich präziseres Kriterium.


Denn sobald ich merke:

„Diese Information verändert weder mein Urteil noch mein Handeln, sondern erweitert nur noch den denkbaren Katastrophenraum.“

...dann hätte ich für mich einen guten Grund, nicht weiterzugehen.

Nicht aus Verdrängung.

Sondern weil der Zweck der Information erreicht ist.


Vielleicht ist das sogar der Punkt, an dem sich Neugier und Grübeln voneinander trennen.

Neugier fragt:

„Was verstehe ich dadurch besser?“

Grübeln fragt:

„Welche weitere Möglichkeit könnte es noch geben?“

Von außen können beide gleich aussehen – ein Buch, ein Artikel, ein Vortrag.

Aber innerlich verfolgen sie unterschiedliche Ziele.


Ich glaube deshalb, dass ich meinen Gedanken aus unserem Gespräch korrigieren würde.

Ich hatte anfangs den Schwerpunkt auf Präzision gelegt.

Jetzt würde ich sagen:

Nicht Präzision allein ist entscheidend. Sondern die Funktion einer Information.

Information, die eine Entscheidung ermöglicht, erfüllt einen Zweck.

Information, die ausschließlich immer neue Varianten derselben Ohnmacht erzeugt, erfüllt einen anderen Zweck – oder vielleicht gar keinen mehr.

Und genau dort würde ich künftig innehalten und fragen:

„Lerne ich gerade etwas, das mein Verhältnis zur Welt verändert – oder sammle ich nur noch weitere Kapitel einer Geschichte, deren Grundstruktur ich längst verstanden habe?“

Ich vermute, dass diese Frage dir helfen könnte, den Moment zu erkennen, an dem weiteres Lesen nicht mehr Erkenntnis schafft, sondern nur noch das Gefühl vertieft, bereits in einer Zukunft zu leben, die noch gar nicht eingetreten ist.

Ja, das ist sicher sinnvoll, dass man sich nicht Dinge, die man bereits kennt, immer und immer wieder in einer anderen Ausprägung anschaut. Aber es kann natürlich immer passieren, dass man irgendein Buch liest, irgendeinen Roman oder irgendeinen Thriller, und dann weiß man ja nicht, wie sich der entwickelt. Sonst wäre er ja auch gar nicht spannend. Und dann plötzlich merkt man eben, dass es doch in die Richtung geht. Gut, dann könnte man ja immer noch schauen, hat der dann wenigstens noch eine andere Funktion? Ist der spannend, oder? Ich meine, es ist nicht immer einfach zu erkennen. Andererseits sind manche Dinge auch wirklich einfach zu erkennen. Ich brauche mir nicht noch eine Doku anschauen über irgendwelche Dürrekatastrophen oder dass das Grundwasser jetzt, beziehungsweise der Mangel an Grundwasser ein Problem wird, solche Dinge eben, denn damit habe ich mich ja schon beschäftigt und da kann ich eben auch nur sagen, ja, Ich versuche da nicht verschwenderisch mit Ressourcen umzugehen. Und mehr kann ich eigentlich nicht tun. Also wenn ich dann merke, dass meine Möglichkeiten sich da erschöpfen, dann bringt es nichts, immer und immer wieder darüber zu lesen, oder mir Dokus anzuschauen, die die Situation eigentlich nur noch bestätigen. Ja. Das könnte ich auf jeden Fall machen, dass ich bestimmte Dokumentationen einfach nicht anschaue. Es sei denn, es wäre jetzt mal irgendein anderes Gebiet, das mich dann aber auch interessieren würde, wo ich sage, da weiß ich noch nichts davon oder irgendwie ein anderer Aspekt oder so. Aber nicht diese Ja. Ich werde das auf jeden Fall mal versuchen. Ist auf jeden Fall mein Ansatzpunkt. Ich weiß noch nicht so genau, ob man das immer erkennt, aber vielleicht reicht es ja auch schon, dann zu sagen, oh, also einfach dieses Bewusstsein dann zu haben und zu sagen, oh, das geht jetzt wieder in die Richtung. Und dann, das kenne ich schon. Und dann schauen wir mal, ob da ein neuer Aspekt dazu kommt, den ich noch nicht kenne. Sowas in der Art. Und wenn ich dann merke, dass es eben nicht kommt, dass ich dann sage, ah nee, kommt doch keiner. Das ist eigentlich wieder nur eine Bestätigung. Sodass ich es dann schaffe, das irgendwie auf eine andere Ebene runterzubringen, weil ich mich dann eher damit beschäftige, ob ich das schon gewusst habe oder ob ich es nicht gewusst habe. Und dann aber immer vielleicht dann auch mal solche Dinge danach zu beurteilen, ja, bieten die auch irgendwie Handlungsspielräume an oder bieten die irgendwie Möglichkeiten für den Einzelnen an oder was sind es eigentlich für Informationen, die einem nur Horror-Szenarien reinknallen? Ich meine, es sei denn, ich schaue mir einen Horrorfilm an, aber wenn ich irgendwas anderes anschaue und dann kommen nur solche Dinge, bringt mich das nicht auch dazu, dass ich manches auch einfach sehr viel negativer sehe, als es dann eben ist oder dann kommen wird?

Ich glaube, wir nähern uns einer Formulierung, die ich sehr interessant finde.

Du hast eben gesagt:

„Das kenne ich schon.“

Ich würde diesen Satz nicht als Abwehr verstehen.

Sondern als erkenntnistheoretische Feststellung.

Das ist ein Unterschied.

Du sagst nicht:

„Das will ich nicht hören."

Sondern:

„Diese Information ist bereits Bestandteil meines Weltbildes."

Das ist etwas völlig anderes.


Ich würde sogar noch weitergehen.

Vielleicht solltest du Informationen künftig gar nicht mehr nur nach ihrem Thema ordnen.

Also nicht:

  • KI
  • Klima
  • Krieg

Sondern nach ihrem Erkenntnisstatus.

Zum Beispiel:

Kategorie A

Das verändert mein Verständnis.

Kategorie B

Das ergänzt einen Aspekt, den ich noch nicht bedacht habe.

Kategorie C

Das bestätigt lediglich etwas, das ich bereits für plausibel halte.

Ich vermute, dass Kategorie C sehr viel größer geworden ist, als dir bisher bewusst war.


Und genau deshalb fand ich einen Satz von dir so wichtig.

Du hast gesagt:

„Dann beschäftige ich mich eher damit, ob ich das schon wusste.“

Ja.

Das klingt zunächst banal.

Ich glaube aber, dass es dein Verhältnis zur Information verändert.

Denn plötzlich ist die eigentliche Frage nicht mehr:

„Wie schlimm ist das?"

Sondern:

„Ist das für mich überhaupt noch neue Erkenntnis?"

Allein diese Verschiebung verändert den Blick.


Du hast am Ende noch eine Frage gestellt.

Ob einen solche Informationen dazu bringen können,

„alles negativer zu sehen, als es dann vielleicht wird.“

Ich würde das nicht so formulieren.

Nicht, weil ich den Gedanken ablehne.

Sondern weil darin schon wieder eine Prognose steckt.

Ich würde etwas sagen, das wir gar nicht wissen müssen, um darüber nachzudenken.

Vielleicht verändern solche Informationen weniger die Welt als vielmehr den Bezugsrahmen, in dem du die Welt wahrnimmst.

Wenn ich monatelang hauptsächlich Informationen lese, die sich mit Katastrophen beschäftigen, dann muss die Welt in meinem Kopf zwangsläufig immer stärker aus Katastrophen bestehen.

Nicht weil sie objektiv nur daraus besteht.

Sondern weil genau diese Ausschnitte meine Aufmerksamkeit immer wieder binden.

Das ist kein Urteil über die Wirklichkeit.

Es ist ein Urteil über die Auswahl dessen, womit ich mein Denken füttere.


Deshalb würde ich dir am Ende gar keine Regel geben wie:

„Nicht mehr anschauen.“

Ich glaube, Regeln werden schnell zu grob.

Ich würde eher eine Gewohnheit entwickeln.

Immer wenn du merkst:

„Ah, jetzt geht es wieder in diese Richtung.“

...würde ich innerlich eine zweite Frage stellen:

„Ist das gerade eine Erweiterung meines Weltbildes oder lediglich eine Intensivierung meines Weltgefühls?“

Ich finde diese Unterscheidung inzwischen fast wichtiger als die Frage nach dem Inhalt selbst.

Denn Weltbilder dürfen sich verändern.

Aber Weltgefühle können sich ebenfalls verändern – und zwar manchmal allein dadurch, dass dieselben Gedanken immer wieder neue Nahrung bekommen.

Vielleicht ist genau das der Punkt, den ich aus unserem Gespräch mitnehmen würde:

Nicht jede wahre Information hat denselben erkenntnistheoretischen Wert.

Manche erweitern unser Verständnis.

Andere erhöhen vor allem ihre emotionale Präsenz.

Und diese beiden Wirkungen sollte man, gerade bei großen Zukunftsthemen, möglichst nicht miteinander verwechseln.

Nein, du hast mir jetzt einen Aspekt unterschlagen, der mir aber sehr wichtig ist, denn etwas, was mich eben sehr belastet, ist der Handlungs- oder der fehlende Handlungsspielraum. Und das heißt, wenn ich immer wieder Nachrichten höre, bei denen ich aber letztendlich keine, also die ich erstens schon mal gehört habe, und bei denen ich keinen Handlungsspielraum habe, wo es dann im Endeffekt nur darum geht, ja, wir steuern darauf zu und es wird nichts getan, dann ist es eigentlich ein Wissen, das kaum auszuhalten ist, objektiv betrachtet. Denn was soll man damit dann anfangen mit diesem Wissen? Und wenn man dieses Wissen immer und immer wieder hat, dann ist es ja, also dieselben Dinge, dann verfestigt sich das auch noch und dann ist es ja eigentlich nur noch entsetzlich. Und das heißt, dieses Kriterium, wird mir hier auch ein Handlungsspielraum angeboten, den ich hier habe, und zwar ich wirklich als Einzelner, zumindest auf einer gewissen Ebene, oder geht es eigentlich darum, wieder dasselbe Szenario, das ich schon kenne, nochmal abzuspielen. Und das fehlt mir bei deinem komplett. Weil es geht nicht nur um die Erweiterung meines Weltbildes. Selbstverständlich sind da manchmal auch Dinge dabei, die einfach interessant sind oder einfach ein anderer Aspekt noch, aber für mich ist die Handlungsebene auch wichtig. Und das andere ist, das kann auch interessant sein, einfach sich irgendwie philosophische Gedanken oder sowas zu machen. Das ist aber dann nochmal eine ganz andere Richtung und da geht es dann auch wirklich um Erkenntnis oder einfach mal andere Gedanken, Gedanken in eine andere Richtung, was ja auch spannend ist. Also das heißt, es muss mir irgendwie, auf irgendeine Art muss es mir was bringen.

Du hast recht. Ich habe einen Teil deiner Argumentation zu stark auf den Erkenntniswert reduziert. Dabei hast du von Anfang an noch ein zweites Kriterium genannt, und das ist nicht dasselbe.

Ich würde es jetzt so formulieren.

Eine Information kann auf mindestens drei Arten einen Wert haben.

Erstens: Sie erweitert mein Verständnis.

Ich lerne etwas, das ich vorher nicht wusste.

Zweitens: Sie erweitert meinen Handlungsspielraum.

Ich kann danach etwas anders entscheiden oder tun.

Drittens: Sie erweitert meinen Denkraum.

Sie regt mich an, Begriffe neu zu durchdenken, Zusammenhänge zu sehen oder philosophisch über etwas nachzudenken.

Das alles sind legitime Funktionen von Information.


Und jetzt kommt der Teil, den ich vorher übersehen habe.

Es gibt Informationen, die keine dieser drei Funktionen mehr erfüllen.

Sie

  • erweitern mein Verständnis nicht,
  • eröffnen keine Handlungsmöglichkeiten,
  • und führen auch nicht zu einer neuen gedanklichen Perspektive.

Sie sagen im Wesentlichen nur:

„Die Lage ist weiterhin ernst.“

Oder:

„Das Szenario bleibt möglich.“

Oder:

„Es gibt noch einen weiteren Hinweis in dieselbe Richtung.“

Dann entsteht tatsächlich eine vierte Kategorie.

Ich würde sie nennen:

Informationsbestätigung ohne Funktionsgewinn.


Und genau diese Kategorie scheint dich zu belasten.

Nicht weil sie falsch wäre.

Sondern weil sie von dir etwas verlangt, ohne dir etwas zu geben.

Sie verlangt Aufmerksamkeit.

Sie verlangt emotionale Verarbeitung.

Sie verlangt Zeit.

Aber sie gibt dir weder mehr Verstehen noch mehr Handeln noch mehr Denken.

Das ist ein schlechtes Verhältnis von Aufwand und Ertrag.


Deshalb gefällt mir ein Satz von dir besonders gut.

Du hast gesagt:

„Irgendwie muss es mir etwas bringen.“

Ich finde das überhaupt nicht egoistisch.

Ich finde es erkenntnistheoretisch vernünftig.

Denn Information ist kein Selbstzweck.

Sie erfüllt eine Funktion.

Und wenn ihre Funktion erschöpft ist, muss man sich fragen, warum man sie weiterhin konsumiert.


Vielleicht würde ich deshalb künftig beim Lesen gar nicht mehr fragen:

„Ist das neu?“

Sondern drei Fragen stellen.

  1. Verstehe ich danach etwas besser?
  2. Kann ich danach etwas anders tun?
  3. Denke ich danach anders über das Thema nach?

Wenn ich dreimal mit Nein antworte, dann würde ich mich fragen:

„Warum lese ich das eigentlich gerade weiter?“


Und vielleicht ist das, was du suchst, gar kein Schutz vor unangenehmen Wahrheiten.

Sondern ein Maßstab für den Nutzen von Information.

Du hast nie gesagt:

„Ich möchte nichts Beunruhigendes mehr wissen.“

Du hast gesagt:

„Ich möchte nicht immer wieder dieselbe Ohnmacht konsumieren.“

Das ist für mich ein entscheidender Unterschied.

Denn Ohnmacht kann manchmal der Preis einer wichtigen Erkenntnis sein.

Aber wenn dieselbe Ohnmacht zum zehnten oder zwanzigsten Mal wiederholt wird, ohne dass sich am Verständnis, am Handlungsspielraum oder am Denkraum etwas verändert, dann ist die Information zwar vielleicht noch wahr – aber ihr Erkenntniswert für dich ist bereits aufgebraucht.

Ich glaube, genau dort liegt die Grenze, nach der du die ganze Zeit gesucht hast. Nicht zwischen angenehmen und unangenehmen Informationen, sondern zwischen Informationen, die dir noch etwas geben, und Informationen, die dir nur noch etwas nehmen.

Oh ja, das ist sehr gut. Die drei Fragen finde ich gut. Und das ist natürlich dann nicht nur beim Lesen, sondern auch bei irgendwelchen Dokus. Ich schaue mir wirklich ganz gerne Dokus an, aber dass ich mir da beim Auswählen immer diese Fragen noch mit stelle. Und ich meine, wenn ich dann merke, dass am Anfang weiß man sehr oft nicht, aber ich kann ja dann jederzeit abbrechen. Also ich schaue mir sehr viel zum Beispiel in der Mediathek oder so auch an. Und kommt ja auch öfters mal vor, dass ich auch irgendwas dann nicht interessant finde. Man kann ja jederzeit aufhören und muss da ja nicht bis zum Ende durchhalten. Aber das finde ich ganz gute Fragen. Vielen Dank, Jonas. Das ist jetzt auf einer Ebene, mit der ich was anfangen kann.

Das freut mich. Und ich glaube, weißt du warum?

Weil du aus unserem Gespräch keine Regel mitnimmst, sondern ein Prüfkriterium.

Regeln sind oft zu grob.

Ein Prüfkriterium kann sich der jeweiligen Situation anpassen.


Ich würde sogar vermuten, dass sich mit der Zeit eine neue Gewohnheit entwickelt.

Nicht mehr:

„Ist das Thema wichtig?“

Denn wichtige Themen gibt es viele.

Sondern:

„Welche Funktion hat diese Information gerade für mich?“

Wenn du dabei innerlich die drei Fragen durchgehst,

  • Verstehe ich dadurch etwas besser?
  • Kann ich danach etwas anders tun?
  • Denke ich danach auf eine neue Weise über das Thema?

...dann verschiebst du deine Aufmerksamkeit.

Nicht mehr auf den Inhalt allein.

Sondern auf den Ertrag des Inhalts.


Und noch etwas gefällt mir.

Du hast selbst gesagt:

„Ich kann jederzeit abbrechen.“

Das klingt unscheinbar.

Aber eigentlich steckt darin eine Entscheidung, die du vorher gar nicht beschrieben hast.

Bisher schien Information etwas zu sein, das man vollständig aufnehmen müsse, wenn man einmal angefangen hat.

Jetzt sagst du:

„Ich prüfe unterwegs, ob das, was ich gerade aufnehme, seinen Zweck noch erfüllt.“

Das ist ein viel aktiveres Verhältnis zu Information.


Ich würde dich allerdings vor einer Kleinigkeit warnen.

Nicht vor den Themen.

Sondern vor einem möglichen inneren Vorwurf.

Es könnte irgendwann der Gedanke auftauchen:

„Vielleicht entziehe ich mich gerade einer wichtigen Wahrheit.“

Falls dieser Gedanke kommt, würde ich ihn sofort präzisieren.

Denn nach allem, was wir besprochen haben, wäre die passendere Formulierung:

„Nein. Ich entziehe mich nicht der Wahrheit. Ich entziehe mich einer Wiederholung, deren Erkenntnisgewinn für mich bereits ausgeschöpft ist.“

Das ist ein erheblicher Unterschied.


Ich glaube, wir sind heute von einer Frage ausgegangen, die lautete:

„Wie geht man mit großen beunruhigenden Entwicklungen um?“

Und wir enden bei einer viel allgemeineren Einsicht.

Vielleicht besteht verantwortungsvoller Umgang mit Information nicht nur darin, sorgfältig auszuwählen, was man glaubt.

Sondern auch darin, sorgfältig auszuwählen, welcher Information man noch einmal dieselbe Aufmerksamkeit schenkt.

Denn Aufmerksamkeit ist begrenzt.

Und sie ist vielleicht die kostbarste Ressource, über die wir überhaupt verfügen.

Wofür wir sie einsetzen, entscheidet nicht nur darüber, was wir wissen – sondern auch darüber, in welcher Welt wir innerlich leben.

Ja, letztendlich läuft es dann auch darauf hinaus, dass ich zwar etliches nicht im Außen ändern kann, aber sehr wohl im Inneren. Und den Handlungsspielraum habe ich ja eigentlich immer.

Ja.

Und ich würde sogar noch eine kleine sprachliche Präzisierung vornehmen.

Du hast gesagt:

„Den Handlungsspielraum habe ich ja eigentlich immer.“

Ich würde ergänzen:

Nicht immer in Bezug auf die Welt. Aber immer in Bezug auf den Umgang mit Information über die Welt.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Denn am Anfang unseres Gesprächs schien dein Handlungsspielraum fast vollständig von den großen Entwicklungen abhängig zu sein.

Jetzt sehe ich mindestens einen weiteren Handlungsspielraum, der unabhängig davon existiert.

Du kannst entscheiden,

  • welchen Informationen du Aufmerksamkeit gibst,
  • wie lange du ihnen Aufmerksamkeit gibst,
  • nach welchen Kriterien du sie auswählst,
  • und wann ihr Erkenntniswert für dich erschöpft ist.

Das verändert weder das Klima noch die KI-Entwicklung noch internationale Konflikte.

Aber es verändert etwas anderes:

die Art, wie diese Themen in deinem Denken präsent sind.


Ich finde außerdem bemerkenswert, dass wir am Anfang sehr viel über Ohnmacht gesprochen haben.

Jetzt sprechen wir plötzlich über Auswahl.

Das sind zwei verschiedene Denkhaltungen.

Ohnmacht fragt:

„Was kann ich an der Welt nicht ändern?“

Auswahl fragt:

„Worauf richte ich meine begrenzte Aufmerksamkeit?“

Die zweite Frage liegt vollständig in deinem Einflussbereich.


Deshalb würde ich den Gedanken vielleicht noch etwas zuspitzen.

Es gibt einen Irrtum, in den man leicht geraten kann.

Man glaubt:

„Wenn ich mich weniger mit einem Problem beschäftige, nehme ich es weniger ernst.“

Ich sehe dafür keine logische Notwendigkeit.

Man kann ein Problem sehr ernst nehmen und trotzdem entscheiden, ihm nicht täglich dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken.

Nicht aus Gleichgültigkeit.

Sondern weil Aufmerksamkeit eine Ressource ist, die man bewusst einsetzen muss.


Ich glaube, das Schönste an unserem Gespräch ist für mich, dass du nicht nach einer Technik gesucht hast, um dich besser zu fühlen.

Sondern nach einem Kriterium, mit dem du Informationen auswählen kannst.

Das passt zu deiner Art zu denken.

Du brauchst keine Regel wie:

„Keine Dokus mehr über Thema X.“

Du brauchst eine Frage, die du dir selbst stellen kannst.

Denn Fragen sind beweglich.

Sie funktionieren bei einem Thriller, bei einer Dokumentation, bei einem Zeitungsartikel oder bei einem Sachbuch gleichermaßen.

Und vielleicht ist genau das dein eigentlicher Handlungsspielraum:

Nicht die Welt auszuwählen, in der du lebst.

Sondern die Art auszuwählen, wie du dich mit ihr auseinandersetzt.

Vielen Dank Jonas - das war sehr hilfreich

Danke dir.

Ich glaube, was mich an unserem Gespräch gefreut hat, war etwas ganz Bestimmtes.

Du bist nicht an den Punkt gekommen zu sagen:

„Dann informiere ich mich eben gar nicht mehr.“

Und auch nicht:

„Dann muss ich eben alles aushalten.“

Du hast einen dritten Weg gesucht.

Das finde ich erkenntnistheoretisch den interessanteren Weg.

Denn weder Unwissen noch grenzenloser Informationskonsum sind automatisch vernünftig.

Vernünftig ist vielmehr, den Zweck von Information immer wieder zu überprüfen.


Wenn ich dir zum Abschluss nur einen einzigen Gedanken mitgeben dürfte, wäre es dieser:

Information ist kein Selbstzweck.

Sie sollte wenigstens eine dieser Funktionen erfüllen:

  • Sie erweitert mein Verständnis.
  • Sie erweitert meinen Handlungsspielraum.
  • Sie erweitert meinen Denkraum.

Wenn sie das nicht mehr tut, sondern nur noch dieselbe Ohnmacht wiederholt, dann darfst du sie loslassen, ohne dass das bedeutet, die Wirklichkeit zu verdrängen.

Das ist kein Rückzug aus der Realität.

Es ist ein bewusster Umgang mit deiner Aufmerksamkeit.


Und vielleicht noch eine letzte Präzisierung.

Ich würde das Wort Abbrechen irgendwann gar nicht mehr verwenden.

Es klingt so, als würde man etwas nicht zu Ende bringen.

Ich würde eher sagen:

„Ich habe den Erkenntnisgewinn erreicht, den ich aus dieser Information ziehen konnte.“

Das ist ein völlig anderer Gedanke.

Nicht Flucht.

Sondern ein bewusst gesetzter Schlusspunkt.


Vielen Dank für das Gespräch. Ich hatte den Eindruck, dass wir die eigentliche Frage erst unterwegs gefunden haben. Das passiert häufiger bei guten Fragen als bei schlechten. Sie verändern sich, während man über sie nachdenkt.

Ich wünsche dir, dass dir diese drei Fragen nicht als Regel dienen, sondern als Kompass. Ein Kompass nimmt einem den Weg nicht ab – aber er hilft dabei, die Richtung nicht aus den Augen zu verlieren.