Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen

Es gibt Probleme, für die sind wir zuständig. Und dann gibt es Probleme, die uns auffallen, die uns aber eigentlich gar nichts angehen.

Die Unterscheidung klingt einfach. Es sei denn, man gehört zu den Menschen mit einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl.

Man sieht, dass irgendwo etwas nicht ganz rund läuft, beginnt darüber nachzudenken, findet vielleicht sogar schon eine mögliche Lösung – und ehe man sich versieht, beschäftigt man sich mit einem Problem, das eigentlich gar nicht das eigene ist.

Das Englische hat für solche Situationen eine wunderbar bildhafte Redewendung:

Not my circus, not my monkeys.

Ganz englisch ist sie allerdings nicht. Die Redewendung ist aus dem Polnischen eingewandert: „Nie mój cyrk, nie moje małpy“ heißt dort wörtlich ebenfalls „Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen“. Gemeint ist: "Ich sehe durchaus, was hier gerade passiert – aber es ist nicht mein Zuständigkeitsbereich und auch nicht meine Angelegenheit."

Zirkus und Affen haben den Sprung ins Englische unverändert geschafft. Und auch im Deutschen begegnet einem die wörtliche Übersetzung inzwischen gelegentlich, wirklich heimisch geworden ist sie hier aber bislang nicht.

Im Deutschen sagen wir eher „Nicht meine Baustelle“ oder „Nicht mein Bier“. Beides ist kurz und bündig: Dafür bin ich nicht zuständig oder das ist nicht meine Angelegenheit. Damit ist die Sache erledigt.

Beim Zirkus und seinen Affen ist es nicht ganz so einfach. Denn hier werden zwei Dinge ausdrücklich voneinander unterschieden: Das ist nicht mein Zirkus – und es sind auch nicht meine Affen.

Wenn aber ausdrücklich festgestellt wird, dass weder der Zirkus noch die Affen zu mir gehören, lässt sich der Gedanke auch weiterspinnen: Wie sieht es denn mit den anderen Möglichkeiten aus?

Mein Zirkus, meine Affen – beides gehört zu mir.

Aber kann es auch mein Zirkus sein, ohne dass es meine Affen sind?

Und umgekehrt: Können es meine Affen sein, obwohl es gar nicht mein Zirkus ist?

Probieren wir es aus.

In einer kleinen Straße findet ein Sommerfest statt. Die Aufgaben sind klar verteilt: Mara kümmert sich um den Getränkestand, Fabian ist für die Stromversorgung des Festes zuständig.

Mein Zirkus, meine Affen.

Mitten im schönsten Trubel stellt Mara fest, dass die Eiswürfel ausgegangen sind. Keine Frage: Der Getränkestand ist ihr Zuständigkeitsbereich und die fehlenden Eiswürfel sind ihre Angelegenheit.

Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen.

Für Fabian sieht die Sache anders aus. Weder der Getränkestand noch die fehlenden Eiswürfel gehen ihn etwas an.

Mein Zirkus, nicht meine Affen.

Kurz darauf gibt es das nächste Problem: Am Getränkestand fällt der Strom aus.

Für Mara sieht die Sache diesmal anders aus: Der Getränkestand ist nach wie vor ihr Zuständigkeitsbereich – ihr Zirkus. Um die Stromversorgung kümmert sich jedoch Fabian. Das sind seine Affen.

Nicht mein Zirkus, meine Affen.

Fabian betrachtet dasselbe Problem genau umgekehrt. Der Getränkestand ist nicht sein Zirkus. Aber wenn dort der Strom ausfällt, sind es sehr wohl seine Affen.

Damit haben Zirkus und Affen in unserem kleinen Sprachspiel ihre Rollen gefunden: Der Zirkus steht für den Zuständigkeitsbereich, die Affen für die konkrete Angelegenheit.

Und aus einer Redewendung sind plötzlich vier Möglichkeiten geworden.

Und falls sich „Nicht mein Zirkus, nicht meine Affen“ im Deutschen doch nicht durchsetzen sollte, könnten wir zumindest zwei alte Bekannte miteinander verknüpfen:

Nicht meine Baustelle, nicht mein Bier.

Die Baustelle übernimmt den Zirkus, das Bier die Affen.

Eigentlich komisch, dass wir da nicht früher drauf gekommen sind.

Prost.