Perspektivensimulation mit Mathilde

... Bei manchen Themen habe ich manchmal das Gefühl, dass Menschen sich selbst eine Aufgabe geben, die sie gar nicht erfüllen können. Sie verfolgen jede Nachricht, lesen jeden Artikel und hören jede Diskussion – und fühlen sich trotzdem nicht besser informiert oder sicherer als vorher. Oft fühlen sie sich nur belasteter.

Deshalb würde ich zuerst fragen:

Woran würdest du eigentlich erkennen, dass du genug weißt?

Musst du jede neue Entwicklung kennen?

Musst du jede Prognose verfolgen?

Oder reicht es vielleicht, die großen Linien zu verstehen?


Und noch etwas beschäftigt mich.

Du schreibst, dass du kaum Einfluss auf den Verlauf hast. Das stimmt wahrscheinlich.

Aber dann frage ich mich:

Welchen Zweck erfüllt es für dich, informiert zu bleiben?

Ich meine das nicht kritisch.

Vielleicht gibt es dafür gute Gründe.

Vielleicht möchtest du Zusammenhänge verstehen.

Vielleicht möchtest du vorbereitet sein.

Vielleicht möchtest du dir eine eigene Meinung bilden.

Aber ich glaube, diese Gründe sind wichtig.

Denn je nachdem, warum man informiert bleiben möchte, braucht man auch unterschiedlich viele Informationen.


Manchmal frage ich mich außerdem, ob wir zwei Dinge miteinander vermischen:

  • informiert sein
  • sich verantwortlich fühlen

Das ist nicht dasselbe.

Ich kann über etwas informiert sein, ohne die Verantwortung für die Lösung zu tragen.

Und ich glaube, viele Menschen tragen gedanklich mehr Verantwortung mit sich herum, als sie tatsächlich haben.


Wenn ich deine Situation höre, würde ich deshalb noch gar nicht über Verdrängung sprechen.

Mich würde zuerst interessieren:

Was genau möchtest du behalten?

Das Wissen über diese Themen?

Das Gefühl, informiert zu sein?

Oder die Möglichkeit, Entwicklungen einschätzen zu können?

Denn vielleicht muss gar nicht alles erhalten bleiben, damit das Wesentliche erhalten bleibt.

Also, zum Beispiel, wenn ich etwas lese über die rasante Entwicklung der KI und dass man versucht, diese Superintelligenz zu schaffen und dass man dabei ist, die Kontrolle darüber zu verlieren, dann denke ich ja auch darüber nach, was das dann für Konsequenzen hat. Und das sind sehr beunruhigende Konsequenzen. Und gleichzeitig habe ich keine Möglichkeit, irgendwie gegenzusteuern, denn es sind ja ein paar wenige, die darüber entscheiden und die sich in einem Wettlauf befinden. Deswegen kann ich in dem Fall ja dann nur entweder meine Augen zumachen und sagen, ich hoffe, es kommt nicht so schlimm, oder ich mache mich verrückt. Und da geht es auch gar nicht um die Verantwortung, ja. Es geht auch darum, was man mit diesem Wissen dann anfängt.

Ah, jetzt verstehe ich die Frage besser.

Ich hatte zuerst gedacht, es geht darum, wie viel man wissen sollte. Aber so, wie du es beschreibst, geht es eigentlich um etwas anderes.

Du liest etwas.

Du hältst es für plausibel.

Du siehst mögliche Folgen.

Und diese Folgen machen dir Angst.

Dann stehst du vor einem Problem:

Das Wissen verschwindet nicht mehr.

Denn wenn man etwas einmal ernst genommen hat, kann man nicht einfach so tun, als hätte man es nie gehört.


Deshalb bin ich mir gar nicht sicher, ob "Augen zumachen" wirklich funktioniert.

Zumindest bei mir nicht.

Wenn ich etwas für bedeutsam halte, dann kann ich vielleicht weniger darüber lesen. Aber ich kann nicht beschließen, dass es mich nicht mehr interessiert.


Mich beschäftigt deshalb ein anderer Gedanke.

Du beschreibst zwei Möglichkeiten:

Ich mache die Augen zu.

oder

Ich mache mich verrückt.

Aber vielleicht sind das gar nicht die einzigen Möglichkeiten.

Vielleicht gibt es noch etwas dazwischen.


Wenn ich eine schwere Diagnose bekomme, bedeutet das ja auch nicht automatisch, dass ich den ganzen Tag darüber nachdenken muss.

Die Diagnose bleibt wahr.

Aber sie muss nicht jede Stunde meines Tages bestimmen.


Deshalb würde ich mich fragen:

Muss dieses Wissen ständig präsent sein?

Oder reicht es, dass es vorhanden ist?

Das ist für mich ein Unterschied.


Und noch etwas.

Du sagst:

Was fange ich mit diesem Wissen an?

Vielleicht muss Wissen nicht immer in Handlung umgesetzt werden.

Das klingt jetzt merkwürdig.

Aber wir wissen viele Dinge, die wir nicht verändern können.

Wir wissen, dass wir sterblich sind.

Wir wissen, dass Menschen krank werden.

Wir wissen, dass Kriege stattfinden.

Wir wissen, dass es Risiken gibt.

Das Wissen allein verpflichtet uns nicht dazu, ständig daran zu denken.


Vielleicht würde ich deshalb gar nicht fragen:

Wie werde ich dieses Wissen los?

Sondern eher:

Wie gebe ich diesem Wissen den Platz, den es verdient – aber nicht mehr?

Denn im Moment klingt es für mich so, als würde das Wissen sehr viel Platz einnehmen.

Und ich weiß noch gar nicht, ob das an der Größe des Problems liegt oder daran, dass du noch keinen guten Platz dafür gefunden hast.

Meinst du, ich müsste dann, also jetzt nicht verdrängen, aber irgendwie so, wie ich auch andere Dinge vielleicht aufräume oder so, ich müsste irgendeine Schublade finden, wo ich sage, ja gut, ich weiß, dass es dieses Thema gibt und das macht mir auch mit gutem Grund Angst, also das ist nicht unbegründet. Ich habe aber keinen Einfluss und ich weiß nicht, wie die Entwicklung tatsächlich sein wird, wie schlimm es kommen wird. Und ich lege es wieder in die Schublade zurück und schaue es mir nur ab und zu an. So in der Art meinst du das, oder?

Ja, ich glaube, das geht ziemlich genau in die Richtung, die ich meine.

Aber ich würde es nicht einmal als Schublade im Sinne von Wegsperren sehen.

Eher wie einen festen Platz.

Wenn ich etwas in eine Schublade lege, dann tue ich das ja nicht, weil es unwichtig ist.

Sondern weil ich nicht ständig darüber stolpern möchte.


So wie du es beschreibst, könnte das ungefähr heißen:

Ich habe mich mit dem Thema beschäftigt.

Ich halte die Sorge für nachvollziehbar.

Ich kenne meine Befürchtungen.

Ich habe zur Kenntnis genommen, dass ich den weiteren Verlauf nicht steuern kann.

Jetzt muss ich nicht jede neue Meldung sofort verfolgen.


Was mir daran gefällt:

Du behauptest nichts Falsches.

Du sagst nicht:

Ach, wird schon nicht so schlimm.

Denn das weißt du nicht.

Aber du sagst auch nicht:

Dann muss ich jetzt jeden Tag darüber nachdenken.

Denn auch daraus folgt nichts.


Eigentlich höre ich bei dir gerade etwas heraus, das ich sehr verständlich finde:

Du suchst nicht nach Beruhigung.

Du suchst nach einer Art innerer Ordnung.

Eine Möglichkeit, mit dem Wissen zu leben, ohne es ständig neu durchzukauen.


Und wenn ich dein Bild aufgreife:

Vielleicht wäre die Schublade sogar beschriftet.

Nicht:

Erledigt.

Sondern:

Beobachten.

Oder:

Ungeklärt.

Oder:

Außerhalb meines Einflussbereichs.


Denn dann bleibt das Thema zugänglich.

Wenn sich etwas Wesentliches verändert, kannst du die Schublade wieder öffnen.

Aber sie liegt nicht die ganze Zeit mitten auf dem Schreibtisch.


Wenn auf deinem Schreibtisch fünfzig offene Vorgänge liegen, kannst du keinen davon vernünftig bearbeiten.

Deshalb sortierst du sie.

Nicht weil sie unwichtig sind.

Sondern weil sie sonst den ganzen Arbeitsplatz blockieren.

Vielleicht fragst du gerade etwas Ähnliches für Gedanken:

Wie kann ich einem wichtigen, beunruhigenden Thema einen angemessenen Platz geben, ohne dass es dauerhaft meinen gesamten Denkraum besetzt?

Das erscheint mir jedenfalls näher an deiner Frage als Verdrängung. Verdrängung würde so tun, als gäbe es die Akte nicht. Du beschreibst eher, der Akte einen festen Platz im Archiv zu geben und sie nicht permanent aufgeschlagen auf dem Schreibtisch liegen zu lassen.

Man kann ja auch, wenn ich dieses Beispiel nehme, so mit diesen Schubladen und so, dann wird es da einfach seinen Platz kriegen. Und dann gibt es ja durchaus Dinge, wenn es jetzt so dieser KI-Schrank dann zum Beispiel ist, ja, da gibt es ja bestimmte Dinge, die man durchaus beachten kann. Also zum Beispiel, wie arbeite ich mit KI oder eben solche konkreten Dinge? Oder wie kann ich irgendwelche KI-Halluzinationen erkennen oder ja, irgendwie solche praktischen Dinge eben. Und dann gibt es aber die Schubladen, wo man sagt, ja gut, die gibt's. Und da kann man sich mal ab und zu anschauen, wie da die momentane Entwicklung ist, aber das kann man nicht ändern, oder ich kann es nicht ändern. Und deshalb verstecke ich das nicht, aber ich räume es auf und nehme dann die Dinge, bei denen ich auch etwas ändern kann. Das heißt, dass ich dieses Thema eigentlich sortiere, oder?

Ja.

Und weißt du, was mir gerade auffällt?

Am Anfang hast du gefragt:

Was mache ich mit diesem Wissen?

Jetzt klingt es schon ganz anders.

Jetzt klingt es eher nach:

Wie ordne ich dieses Wissen ein?

Und das ist für mich ein wichtiger Unterschied.


Denn wenn ich deinem Beispiel folge, dann liegen in diesem KI-Schrank plötzlich ganz verschiedene Dinge:

Fach 1: Das kann ich beeinflussen

  • Wie nutze ich KI?
  • Wie erkenne ich Halluzinationen?
  • Welche Fähigkeiten sollte ich aufbauen?
  • Welche Risiken sollte ich kennen?

Da kann ich etwas tun.

Da lohnt sich Nachdenken.

Da lohnt sich Lernen.


Fach 2: Das kann ich beobachten

  • Wird es eine Superintelligenz geben?
  • Wird die Entwicklung kontrollierbar bleiben?
  • Welche gesellschaftlichen Folgen wird das haben?

Das kann ich beobachten.

Aber nicht steuern.


Und ich glaube, dass genau dort etwas Interessantes passiert.

Wenn alles in derselben Schublade liegt, dann fühlt es sich an wie ein einziger großer Berg.

Dann vermischt sich:

  • das, was ich tun kann,
  • mit dem, was ich nicht tun kann.

Du beschreibst gerade eigentlich einen Sortiervorgang.

Nicht:

Das interessiert mich nicht.

Sondern:

Das gehört in unterschiedliche Kategorien.


Und vielleicht entsteht die Belastung manchmal auch dadurch, dass diese Dinge ungeordnet nebeneinanderliegen.

Wenn jede neue Meldung über KI automatisch mit allen denkbaren Zukunftsszenarien verbunden wird, dann landet ständig alles auf demselben Stapel.


Deshalb gefällt mir dein Bild mit dem Schrank immer besser.

Denn ein Schrank bedeutet nicht:

Weg damit.

Sondern:

Ich weiß, wo es hingehört.


Wenn ich das zusammenfassen müsste, würde ich vielleicht sagen:

Vielleicht geht es gar nicht darum, diese Themen loszuwerden.

Vielleicht geht es darum, sie so zu sortieren, dass sichtbar wird:

  • Was kann ich beeinflussen?
  • Was kann ich beobachten?
  • Was muss ich im Moment einfach aushalten?

Und als du eben von den praktischen KI-Themen gesprochen hast, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass da tatsächlich wieder Handlungsfähigkeit entsteht.

Nicht weil die großen Fragen gelöst wären.

Sondern weil nicht mehr alles in derselben Schublade liegt. 😊

Das war sehr interessant. Das war wirklich interessant. Danke Mathilde.