Guten Abend, gut' Nacht - und sicher wieder aufgewacht.

Manche Liedtexte sind so vertraut, dass man kaum noch hört, was man da eigentlich singt. Die Worte gehören zur Melodie – und werden einfach mitgeliefert.

Bei „Guten Abend, gut’ Nacht“ änderte das eine Frage meines Sohnes. Auf die Zeile

„Morgen früh, wenn Gott will,
wirst du wieder geweckt.“

kam prompt: „Und wenn er nicht will?“

Tja.

Seitdem kann ich diese Zeile nicht mehr unbefangen singen.

Viele Jahre später möchte ich nun eine Spieluhr verschenken – und damit war auch die Frage nach dem passenden Wiegenlied wieder da. Ich habe mir verschiedene Melodien angehört, aber bei „Guten Abend, gut’ Nacht“ lande ich immer wieder. Brahms’ Melodie gefällt mir einfach am besten.

Der Text allerdings hat sein altes Problem behalten.

Also habe ich ChatGPT gefragt, ob es für die fragliche Zeile eigentlich eine Alternative gibt. Eine Lösung war schnell gefunden:

„Morgen früh, wenn’s hell wird,
wirst du wieder geweckt.“

Passt zur Melodie, passt zum Morgen und lässt keinen Zweifel daran, dass es einen geben wird.

Damit hätte die Sache erledigt sein können.

Dann kamen die Näglein.

„Mit Rosen bedacht,
mit Näglein besteckt …“

Näglein sind zwar eine alte Bezeichnung für Gewürznelken. Aber wenn man einen Text erst mal kritisch beäugt, erkennt man noch ganz andere Schwachstellen. Und so richtig gemütlich klingt ein mit Näglein bestecktes Bett für heutige Ohren nun auch nicht.

Und dann waren da noch die Rosen.

Rosen, Näglein, Schlaf – und die nur unter Vorbehalt angekündigte Aussicht, am nächsten Morgen wieder geweckt zu werden: In dieser Kombination bekam das vertraute Wiegenlied plötzlich einen leicht morbiden Unterton.

Also haben wir weitergedacht.

Aus der Suche nach einer einzigen Ersatzzeile wurde ziemlich schnell die Idee, gleich einen eigenen Text zu schreiben. Und wenn schon, denn schon: Der erste Versuch hatte gleich zwei komplett neue Strophen.

Auf dem Papier durchaus hübsch. Auf Brahms’ Melodie leider deutlich weniger.

Also ging es wieder zurück.

Denn beim Ausprobieren wurde nach und nach klar, dass eigentlich gar nicht alles neu werden sollte. „bedacht“ gefiel mir. „schlupf unter die Deck’“ gefiel mir auch. Den vertrauten Klang des Liedes wollte ich sowieso behalten.

Am Ende verschwanden gerade einmal drei Dinge: Gottes Wille, Rosen und Näglein.

Dafür kamen Helligkeit, Sternlein und Mondlicht.

Der Rest blieb, wie er war.

Ganz schön viel Dichtarbeit für drei Änderungen. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen:

Alt lassen oder ändern?

Muss man einen alten Text eigentlich ändern, nur weil einzelne Stellen heute befremdlich klingen?

Alte Lieder, Märchen und Geschichten sind schließlich auch ein Stück Kulturgeschichte. Nicht alles, was heute seltsam oder überholt wirkt, muss deshalb verschwinden. Manches kann man erklären, einordnen – und gerade mit Kindern auch zum Anlass nehmen, darüber zu sprechen.

Bei einem Wiegenlied liegt die Sache etwas anders. Es soll beruhigen und beim Einschlafen begleiten. Wenn eine Zeile stattdessen schlechte Träume auslösen könnte oder ein Kind sich plötzlich fragt, ob es am nächsten Morgen überhaupt wieder aufwacht, hat die historische Texttreue das Nachsehen.

Die Herkunft und Bedeutung eines alten Textes zu kennen, heißt schließlich nicht, dass man ihn unverändert weitergeben muss. 

Und dann muss ja nicht gleich das ganze Lied neu geschrieben werden. Manchmal reichen drei kleine Änderungen.

Und was hat KI damit zu tun?

Rückblickend hätte ich diese drei Änderungen natürlich auch ohne KI vornehmen können. Das Ergebnis ist schließlich denkbar schlicht. Aber der Weg dorthin wäre ein anderer gewesen.

Vielleicht wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, einen eigenen Text zu schreiben. Vielleicht hätte ich mich einfach für ein anderes Wiegenlied entschieden. Vor allem aber hätte es all die Varianten nicht gegeben, die zwischendurch entstanden sind – passende und unpassende, schöne, abwegige und ziemlich absurde.

Gerade die verworfenen Vorschläge waren dabei erstaunlich hilfreich. Denn an ihnen wurde immer deutlicher, was mir am alten Text eigentlich gefällt und deshalb bleiben soll – und was ich tatsächlich verändern möchte.

Am Ende hat die KI also nicht einfach einen neuen Liedtext geliefert. Der Dialog hat mir geholfen herauszufinden, welchen Liedtext ich haben wollte.

Blick ins Werkstattfenster

Was zwischen der ersten Frage und diesen drei kleinen Änderungen alles passiert ist, zeigt der 🪟 Blick ins Werkstattfenster